Club des Jahres

Jeden Montagvormittag war der Ruhrschnellweg ebenso überfüllt wie der Hauptbahnhof Oberhausen, auf dem Flughafen Düsseldorf landeten Sondermaschinen. In Scharen strebten Rotarier aus dem In- und Ausland in das Oberhausener Schloss, um pünktlich zum Mittagsmeeting des RC Oberhausen zu kommen. Nicht ohne Grund hatte kürzlich der Rotary-Weltpräsident den RC Oberhausen zum „Club of the year“ erwählt.

Die Kunde über diesen phänomenalen Club drang auch zum RC Bröckedde, der ja bislang das Maß aller Dinge im rotarischen Leben gewesen war. Präsident Pröpke kündigte seinem Amtskollegen in Oberhausen, Senator Dr. Droysen, einen Besuch an. Der Senator sagte: „Sie sind herzlich willkommen! Aber bitte rechtzeitig erscheinen, denn unsere Meetings sind stets überfüllt.“  

Und Pröpke staunte nicht schlecht bei seinem Meetingsbesuch. Die Schloss-Gastronomie glänzte mit einem Hummer Thermidor als Hauptgang für schlappe 6,50 Euro. Wer wollte, konnte sich für fünf Euro auch einen halben Fasan gönnen.

„Das ist ja viel gastfreundlicher als in meinem Bröckedder Hof. Wie kalkulieren die denn?“, fragte Pröpke seinen Amtskollegen. Dr. Droysen lächelte: „Für die Schloss-Gastronomie ist es eine Ehre, uns zu verköstigen. Die würden uns sogar noch etwas für unser Erscheinen bezahlen.“ Folgerichtig waren die Getränke kostenlos, mitten im Speisesaal thronte ein mächtiger Brunnen, aus dem sich fassfrisches König Pilsner ergoss.

Beim Hummer fragte Pröpke: „Was sind denn die Gründe Ihres exorbitanten Erfolgs?“ Dr. Droysen meinte: „Zunächst einmal binden wir alle unsere Mitglieder intensiv ein. Jeder hat bei uns mindestens drei Ämter im Club. Neben mir gibt es zum Beispiel einen Assistant President, auch der Past President und die Incoming Presidents haben einen Assistant. Die künftigen Präsidenten wählen wir immer schon zehn Jahre im Voraus, dann können sie sich richtig fitt machen für das Amt. Und vergessen wir nicht den Aufsichtsrat, der das Agieren des Vorstands kritisch begleitet.“

Pröpke seufzte: „Im RC Bröckedde haben wir manchmal Probleme, den Vorstand überhaupt zu besetzen.“

Dr. Droysen lächelte erneut: „Wir nicht. Hängt auch damit zusammen, dass es bei uns eine anständige Aufwandsentschädigung gibt. Die Basisvergütung für Vorstandsmitglieder beträgt viermal Hartz IV plus Spesen. Aber wir verfallen nicht der Völlerei. Einen Dienstwagen nebst Stander gibt es nur für den Präsidenten. Allerdings denken wir weit voraus. Wir finden, der Berufsrotarier sollte endlich als Ausbildungsberuf anerkannt werden.“
   
„Wie sieht es ansonsten mit den Finanzen aus?“, fragte Pröpke. Der Senator strahlte: „Bestens. Angesichts unserer vielen Projekte haben wir drei Fördervereine, dazu einen Reptilienfonds und diverse Schattenhaushalte. Bei der Kassenprüfung sind wir großzügig – uns reichen gefühlte Schätzungen. Sehr hilfreich ist hier ein rotarischer Freund aus dem Bistum Limburg.“

Pröpke wurde neugierig: „Sie erwähnten einen Reptilienfonds?“

Dr. Droysen senkte die Stimme: „Über den verfügt allein der Präsident. Gespeist wird der Fonds durch unseren innovativen Präsenzhandel.“

„Durch was?“

„Nun, wir haben eine Präsenzbörse gegründet. Freunde, die über 100 Prozent Präsenzen haben, können diese an Freunde mit zu wenig Präsenzen über Ebay verkaufen. Der Erlös fließt in meinen Fonds.“

Pröpke fragte weiter: „Welche Erfolgsfaktoren gibt es noch?“

Dr. Droysen wurde ernst: „Wir haben erst kürzlich unsere Aufnahmebedingungen für neue Clubmitglieder aktualisiert. Die Kriterien sind sehr streng, bei uns geht Qualität vor Quantität. Von den Kandidatinnen und Kandidaten erwarten wir die ungefähre Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Sie müssen auch wissen, wie man ins Internet kommt und sie müssen ihre Selbstanzeigen beim Finanzamt rechtzeitig und vollständig abgegeben haben.“

„Und wie machen Sie den Club auch für jüngere Menschen attraktiv?“, fragte Pröpke.

Der Senator antwortete: „Bei uns sind die Vorträge kurz und jugendkompatibel. Wir versehen sie mit Comics, Einspielfilmchen und Popmusik. Fremdworte aus dem Lateinischen oder Griechischen werden automatisch übersetzt, Das schätzen die Jungrotarier sehr.“

„Was gibt es noch an Neuerungen?“, fragte Pröpke.

Dr. Droysen holte ein Plastikkärtchen aus der Brieftasche: „Das ist der neue Mitgliederausweis des RC Oberhausen. Diese Oberhausen Card hat einen hohen Zusatznutzen. Sie ermöglicht unter anderem freien Eintritt in den Gasometer, mit ihr gibt es im Centro fünf Prozent Rabatt,  ein automatisches Upgrading bei der Lufthansa und ab dem 80. Lebensjahr dient die Karte als Führerscheinersatz.“


Tief beeindruckt verließ Pröpke Oberhausen. Und zuhause in Bröckedde berichtet er den Freunden: „Vom RC Oberhausen lernen, heißt Siegen lernen."

© Alexander Hoffmann